Bioweingut Andreas Dilger und Freiburger Piwi-Sorten

sonntag, 29. dezember 2019

Freiburger Piwi-Sorten sind plötzlich gefragt 

WEINMARKT
 Alternative zur Agro-Chemie

Seit mehr als 100 Jahren züchtet das Staatliche Weinbauinstitut Freiburg pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Ein Durchbruch auf dem Markt blieb den Neuzüchtungen bislang aber verwehrt. Das könnte sich jetzt ändern. Die Landesregierung setzt in ihrem Eckpunktepapier zum Schutz der Insekten explizit auch auf krankheitsresistente Sorten.
Das Staatliche Weinbauinstitut in Freiburg war seiner Zeit weit voraus, als es vor mehr als 100 Jahren begann, pilzwiderstandsfähige Rebsorten (Piwis) zu züchten. Als dem Institut dann 1968 mit dem Johanniter der erste Zuchterfolg gelang, hatte der Weinbau aber längst ein anderes Mittel gegen Pilzbefall wie den echten und falschen Mehltau gefunden: Fungizide der Agrochemie-Industrie. Bis zur Zulassung des Johanniter, der durch Kreuzung und ohne Gentechnik gezüchtet wurde, vergingen weitere 30 Jahre. Heute hat der Johanniter zwar eine gewisse Bekanntheit, er steht aber weiterhin im Schatten klassischer Rebsorten wie Spätburgunder oder Müller-Thurgau.
Durch die Auseinandersetzung um das Volksbegehren „Rettet die Bienen" haben die Piwis nun aber eine ganz neue Bedeutung gewonnen – und die 14 in den 1960er bis in den 1980er Jahren gezüchteten Piwi-Sorten des Weinbauinstituts in Freiburg sind eine große Chance. Denn die Piwis kommen ohne oder mit nur wenig chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln aus. Wenn die Landesregierung ihr Ziel erreichen will, bis 2030 den Einsatz von Pestiziden im Land um 40 bis 50 Prozent zu reduzieren, kommt sie an den Piwis nicht vorbei.


Bislang hat sich das Landesagrarministerium schwer mit den neuen Sorten getan, weil es, wie auch der Badische Weinbauverband (siehe Interview auf Seite 8), Probleme bei der Vermarktung befürchtet. Als abschreckendes Beispiel gilt vielen immer noch die Erfahrung mit dem Regent, einer roten Piwi-Sorte aus der Pfalz, die sich nur schwer an den Kunden bringen lässt. Ernst Weinmann, Sorten-Spezialist am Weinbauinstitut in Freiburg, beobachtet jetzt aber ein Umdenken in vielen Betrieben. „Da passiert was", sagt er und verweist unter anderem auf den erst kürzlich in Karlsruhe ausgetragenen Wein-Wettbewerb Piwi International. Der Weinexperte empfiehlt Betrieben, die Piwis pflanzen wollen, ein durchdachtes Vorgehen. Weinanbau, Kellerwirtschaft und Vermarktung müssten aufeinander abgestimmt werden.


Erfolgreiche Beispiele gibt es. Das Freiburger Bioweingut Andreas Dilger baut ausschließlich Piwis an ebenso wie das Eichstetter Weingut Johannes Kiefer. Im Weingut Kiefer verzichtet man sogar auf das für Ökobetriebe zugelassene Spritzen mit Kupfer gegen Pilzbefall. Vor zwei Wochen hat sich das Weingut beim Landesumweltministerium als Musterbetrieb beworben. Das Land will auch mit Hilfe solcher Anschauungsbetriebe den Einsatz von Pestiziden reduzieren. „Wir stellen uns nicht gegen unsere Winzerkollegen, wir stehen für die zukünftige Wirtschaftsweise", unterstreicht Barbara Kiefer.

Piwis an sensiblen Orten
Während das Weinbauinstitut ein zaghaftes Umsteuern in Baden feststellt, schaffen Weinbaubetriebe aus Frankreich und Italien Fakten, indem sie im großen Stil in Baden Piwi-Setzlinge kaufen. Hintergrund ist der Skandal um den großzügigen und jahrzehntelangen Pestizideinsatz im Bordelais, der zu Erkrankungen und Todesfällen geführt hat, wie auch im Magazin der Süddeutschen Zeitung im Mai zu lesen war. Als Konsequenz hat der Präfekt von Bordeaux eine Liste von 160 sensiblen Orten veröffentlicht, darunter zahlreiche Schulen, die an Weinberge angrenzen und in deren Umgebung nun nicht mehr gespritzt werden darf. Also pflanzen die Winzer im Bordelais dort jetzt pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Weinmann sagt, dass es in einigen Kommunen in Baden ähnliche Überlegungen gebe, etwa um Kinder auf Spielplätzen zu schützen.
In Frankreich tut man sich mit Piwis allerdings leichter, weil die meisten Rotweine dort Cuvées aus verschiedenen Sorten sind. So sei es relativ leicht, eine Sorte durch einen unbekannten Piwi zu ersetzen, sagt Weinmann. Bei den meist sortenreinen deutschen Weinen gehe das nicht. Es sei daher wichtig, die Piwis den Kunden nahezubringen. „Werbung hilft immer", so Weinmann. Quelle BZ 
KLAUS RIEXINGER